Geschichten aus dem Naturfrauen-Garten
Tauche ein in unsere persönlichen Erlebnisse und Gedanken, die wir im Einklang mit der Natur sammeln. Lass dich inspirieren, über das Wesentliche im Leben nachzudenken und die Schönheit des Augenblicks zu spüren.

Kein Internet, kein Telefon
Zu den guten Vorsätzen dieses Sommers gehörte auch, möglichst kein Internet oder Handy zu nutzen. Diese Maßnahmen sollten meiner geistigen und körperlichen Gesundheit gut tun und die Meditation unterstützen. Den Luxus, keinen Wecker zu stellen, lebe ich fast immer, da ich ohnehin früh erwache und zeitig aufstehe.
Ich war etwas erstaunt, dass mir die News aus der Welt, das YouTube, das WhatsApp nicht abgingen und ich keine Entzugserscheinungen, die ich erwartet hatte, spürte, nichts dergleichen. Das könnte damit zusammenhängen, dass ich schon Monate im Voraus wusste, dass es ein Sommer ohne Internet sein würde. Ich hatte mehr Natur und weniger Zerstreuung gewählt.
Irgendwie weiss man ja, dass die Welt weiterläuft, egal, ob man die Nachrichten schaut oder nicht, sich Meinungen bildet oder kluge Lösungen diskutiert. Das übermäßige Beschäftigen mit Kriegsnachrichten beendet die Konflikte nicht und nur zu leicht wird man abhängig und giert nach den täglichen Neuigkeiten.
Den Wesen alles Gute zu wünschen, das kommt hingegen immer gut an.

Die fünf Geschwister
Bei einem morgendlichen Kontroll-Spaziergang durch den Garten bemerke ich, dass einige der kleinen Karottenpflanzen der letzten Aussaat mickrig aussehen. Ich beuge mich runter und sehe dann auch die Ursache: Raupen knabbern an den kleinen, zarten Pflanzen, dicke Schmetterlingsraupen und zwar von einem Schwalbenschwanz. Mit ihrer Zeichnung sind sie schön anzusehen und auch leicht zu erkennen. Fünf dralle Raupen zähle ich, die wie Mähmaschinen und unersättlich an den Jungpflanzen nagen.
Ich beschließe eine sanfte Maßnahme, die für meine Karotten und die Tierchen eine Win-Win-Situation ergeben sollte und zwar die Umsiedelung der Raupen ins Beet mit den großen Karotten. Dort finden die Raupen reichlich Nahrung und die großen Karotten sind kräftig und haben ihre Rüben schon ausgebildet. Vorsichtig schneie ich also mit einer Schere die zarten Stiele ab, an denen sich die Raupen festhalten. Einzeln und vorsichtig trage ich sie ins andere Beet und lege die Raupen auf saftigen, zarten Stielen ab. Jetzt müssen sie nur noch vom Transportblatt auf ein neues Essblatt umsteigen.
Anderntags finde ich auf den ersten Blick drei Raupen an dieser Stelle wieder. Sie schauen feist und dick aus, es scheint ihnen gut zu gehen. Bald werden sie sich wandeln zu hübschen Schmetterlingen, eine Metapher für das Potential zu etwas Wunderschönen, das in uns allen bereits vorhanden ist.
Ich habe gehört, die Wissenschaft wundert sich, dass die Vorliebe für gewisse Futterpflanzen einer Raupe auf den ausgewachsenen Schmetterling übergeht, obwohl sich die Raupe bei der Verpuppung gänzlich verändert. Ich wundere mich hingegen, dass die Wissenschaft den Geist dieser fühlenden Wesen außer Acht lässt!

Wilde Pflanzen essen
Manchmal frage ich mich, warum man so viel Zeit für den Gemüsegarten aufwendet, wenn es doch so viele wunderbare essbare Wildpflanzen hier gibt.
Im Winter schon ist die Sternmiere mit ihrem nussigen Geschmack eine willkommene Zutat für Salate. Ende Februar kommt der vielfältig verwendbare Bärlauch hervor, aber weniger als in den letzten Jahren. Das dürfte in unserer Gegend aber nicht an Raffgier beim Sammeln liegen, sondern an den jetzt sehr trockenen Sommern. Wir essen auch die Knospen, in Olivenöl leicht gebraten sind sie eine Delikatesse. Dann treiben die Lindenblätter aus, die Knoblauchrauke wächst heran, der Wiesen-Bärenklau schiebt zeitgleich mit dem Giersch die ersten Triebe aus dem Boden. Der Löwenzahn erblüht, wir essen von den Blättern, lassen aber die Blüten für die Wildbienen und anderen Tierchen stehen. Die Stiele der Großen Klette geben geschält ein leckeres Gemüse ab. Die Weiße Lichtnelke, die ich in unserem Garten mühevoll angesiedelt habe, gibt uns über Wochen Salatgrün, zusammen mit Sauerampfer und Erdbeerblättern. Hopfen, Hirtentäschel, Brunnenkresse und Scharbockskraut hat es in kleinen Dosen. Ein paar Blätter vom Breitwegerich und etwas wilder Schnittlauch schmecken lecker im Salat; ein paar Blüten vom Gänseblümchen, von Veilchen und der roten Taubnessel bringen Farbe dazu, aber auch Knospen der Nachtkerze und Kleeblüten finden Verwendung. In den Sommermonaten gibt es viel Kleinblütiges Knopfkraut, das wir als Gemüse dünsten. Manche bekämpfen dieses gutwüchsige Kraut. Der Schild-Ampfer wird ob der Oxalsäure in kleinen Mengen verwendet, genauso wie der Aufrechte Sauerklee. Im Spätsommer kommt der Sommer-Portulak auf, den wir roh essen, aber auch in Maßen, da auch er Oxalsäure enthält. Natürlich essen wir von den Brennnesseln häufig, wobei ich so gut wie möglich hinschaue, ob nicht Schmetterlingseier oder –raupen zu sehen sind. Wer Brennnessel bekämpft, der bekämpft auch die Schmetterlinge, denn viele Arten nutzen die Brennnessel als Futterpflanze. Sie ist auch Bestandteil von meinen Kräuterteemischungen und dem Kräutersalz. Ich denke bei Brennnesseln immer an den großen tibetischen Yogi Milarepa, der sich über lange Zeit nur von Brennnesseln ernährt und sich in den Bergen völlig der Meditationspraxis gewidmet hat: Von wegen, nix Gemüsegarten!
Was die Wildkräuter in der Ernährung so besonders macht, ist meiner Meinung nach die Art und Weise wie sie wachsen. Seit Jahrtausenden wachsen sie dort, wo es für sie gut ist, wo ihnen der Boden passt, die Beleuchtung, die Feuchtigkeitsmenge. Nichts treibt ihre Zellen an, schneller zu wachsen oder größer zu werden. Sie sind im Einklang mit der Natur. Auch wir waren einst ganz nah mit den Elementen verbunden. Wildkräuter wirken daher auf unsere Gesundheit auf einer ganz tiefen Ebene, denke ich.

Bewusstes Sein in der Natur
Was mir gut tut, tut vielleicht auch dir gut: Durch den Garten schlendern, die Hände in die Erde stecken, zwischendurch die Schuhe ausziehen und barfuß auf der Wiese stehen, im Schatten eines Baumes weilen, sich an ihn anlehnen, dem Wind zuhören in den Blättern, die massive Schwere eines Felsens fühlen, den Regentropfen zuhören, dem Wasser der kleinen Quelle lauschen, den Blick langsam über das Tal schweifen lassen, natürlich atmen, …
Ich freue mich immer, wenn ich draußen sein kann. Mit dem Hinausgehen aus dem Haus finde ich mich in einer Wirklichkeit wieder, die beim Gucken auf die diversen Bildschirme fast verschwindet. Es gibt da eine bewusste Entscheidung zu treffen: Wo und wie will ich leben, wo und was möchte ich praktizieren, entwickeln und wie möchte ich mich vorbereiten auf die Zeit des großen Übergangs?
Das Sein in der Natur, im Wald, im Garten, im Park oder am Fluss ist in unserer Zeit eine Lebensnotwendigkeit geworden und ebenso wichtig, wie gute Bücher zu lesen, Briefe von Hand zu schreiben und wie Menschen direkt zu begegnen, auf sie einzugehen und ihre Bedürfnisse wahrzunehmen.
Unser Geist kann vieles üben und lernen und Wunderbares tun oder nicht tun. Wir entscheiden, was für einen Film wir leben und ob wir Realitäten leben, die andere ausgesucht und erschaffen haben oder ob wir unser Menschsein dafür nutzen wollen, das volle Potential an Liebe, Mitgefühl und Weisheit in uns heranwachsen zu lassen.

Oh je, Hornissen!
Im Garten sind dieses Jahr drei Wespennester, zwei in den Weinstöcken und jenes besagte in einem Heidelbeerstrauch. Letzteres ist stattlich herangewachsen und die Wespen pflegen ihre Brut ohne Unterbruch, umsorgen und beschützen ihre Kinder mit Hingabe.
Aber heute ist alles anders. Weder auf der Vorderseite, noch auf der Rückseite der Wabe sind Wespen zu sehen. Ich verringere meinen Sicherheitsabstand und trete näher heran. Oh je! Da sind zwei Hornissen, die das Nest zerlegen und jede Zelle einzeln aufbrechen, zerschneiden, die Larven herauszerren und gierig fressen, lebendig fressen. Mir wird ganz schwindelig bei diesem Anblick. Zwei weitere Hornissen kommen dazu und machen gemeinsame Sache mit den anderen.
Ich fühlte mich unendlich hilflos. Ich hatte schon kürzlich einige Wespenstiche einkassiert, so wollte ich es nicht mit einer wütenden Truppe von Hornissen aufnehmen, die einen krankenhausreif stechen können. Auf dem Boden unter dem Busch erblicke ich noch eine einzelne Wespe, sie ist offensichtlich in Agonie. Eine weitere Wespe fliegt auf das Nest zu in einem verzweifelten Versuch, etwas zu retten, wird aber von den Hornissen sofort heftig attackiert und muss abdrehen.
»Tiere leiden darunter, dass sie lebendig gefressen werden«, jener Spruch von Gendün Rinpoche kommt mir wieder in den Sinn. Bedrückt setze ich mich auf das Bänklein vor dem Kerzenopferhäuschen, in dem noch die Lichter von heute Morgen brennen. Dort mache ich Wunschgebete: »Mögen die Tierchen allesamt und sogleich Dewatschen, das Reine Land von Buddha Amitabha, wahrnehmen und glücklich sein!«
„Die Geschichten der Naturfrauen bringen mich zum Nachdenken. Die Endlichkeit unseres Daseins wird mir bewusst. Es sind spirituelle Geschichten, eine wahre Inspiration!“
Paolo M., Abiategrasso